Der ewige Diktator
Francisco Franco regierte Spanien mit eiserner Hand. Doch wer war der Mann, der fast 40 Jahre an der Macht war? Till Kössler versucht, Antworten zu geben.
Nur wenige Diktatoren Europas schafften das Kunststück, fast 40 Jahre lang zu regieren. Einer von ihnen war Francisco Franco Bahamonde (1892-1975), der wie keine andere Persönlichkeit das 20. Jahrhundert Spaniens prägte. Mit Franco: Der ewige Faschist legt der Erziehungswissenschaftler und Historiker Till Kössler eine äußerst lesenswerte Biographie des Diktators vor.
Der Autor folgt der Struktur anderer bereits erschienenen Werke in der C.H. Beck Reihe «Diktatoren des 20. Jahrhunderts» und nutzt für jedes Kapitel ein bestimmtes Datum und ein dazugehöriges Ereignis als Aufhänger. Sodann führt Kössler durch das Leben Francos und bettet es in die Geschichte Spaniens des 20. Jahrhunderts ein.
Spanien und Franco
Kössler erzählt somit zwei parallele Geschichten. Im Hintergrund läuft die Geschichte Spaniens vom desastre del 98, über das Ende der Restaurationsmonarchie und der Diktatur Primo de Riveras bis hin zum Bürgerkrieg und der Franco-Diktatur. In diesen politischen, sozialen und kulturellen Kontext platziert er geschickt die Person Francisco Franco Bahamonde.
Das ist eine große Stärke des Buches: Anstatt ein Psychogramm des Diktators zu erstellen, wählt Kössler den klügeren Weg der Kontextualisierung seiner Person im Rahmen der spanischen Geschichte. Einen ähnlichen Ansatz wählte auch der spanische Historiker Julián Casanova in seiner jüngsten Franco-Biographie, allerdings betonte er vor allem den internationalen Kontext. Der von Kössler gewählte Ansatz überzeugt für ein deutsches Publikum mehr. Es sind kaum Vorkenntnisse notwendig, um der Argumentation und dem Lebensweg Francos folgen zu können.
Inhaltlich besticht das Buch durch eine scharfe Analyse und Detailreichtum, die Plattitüden und Oberflächlichkeiten gekonnt aus dem Weg geht. Ein besonderes Highlight erwartet die Leser gleich zu Beginn des Buches. Kössler zeichnet ein mit interessanten Einzelheiten gespicktes Bild von Francos Geburtsort El Ferrol.
Dies ist ein Beleg für die intensive Recherchearbeit, die der Biographie zugrunde liegt und sich auch in der Literaturauswahl widerspiegelt. Kössler beruft sich nicht nur auf bekannte Historiker wie Paul Preston, Julián Casanova oder Santos Juliá, sondern bezieht sich auch auf neuere Forschungen von Alejandro Quiroga (Miguel Primo de Rivera), Nicolás Sesma (Franco-Diktatur) und Zira Box (Franco-Diktatur).
Verschwörung und Kolonialkrieg
In den sieben Kapitel zeichnet der Autor somit Francos Lebensweg nach, von seiner Geburt in El Ferrol, seiner Offiziersausbildung in Toledo, die ersten Einsätze in Marokko, über die Leitung der Militärakademie in Zaragoza, bis hin zum Putsch im Juli 1936 und der anschließenden Machtübernahme.
Kössler betont dabei die Konstanten in Francos Leben, namentlich ein von Verschwörungsmythen und brutalem Kolonialkrieg geprägtes Weltbild. Bis zu seinem Lebensende hält Franco an dem Glauben an eine jüdisch-freimaurerische, liberale und kommunistische Verschwörung fest und ist davon überzeugt, dass Gewalt und Härte nicht nur gerechtfertigt, sondern notwendig sind, um die Feinde Spaniens auszumerzen und so das Vaterland zu retten. Aus diesem Grund sei Franco ein ewiger Faschist, wie der Untertitel des Buches verlauten lässt.
Die Frage, ob Franco ein Faschist war, wird in der Forschung heiß diskutiert. Kössler gibt zwar zu, dass einige Aspekte nicht auf Franco zutreffen, dennoch könne man die brutale Gewalt zu Beginn des Bürgerkrieges in den spanischen Dörfern und Städten durchaus als «faschistische Revolution» bezeichnen. Ganz ungeachtet Kösslers Analyse, lässt es sich nur schwer leugnen, dass Francos Regime faschistische Elemente integrierte.
Francos Regime
Dennoch darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Franquismus ein Zweckbündnis verschiedener Gruppen war, die durch die Person Francisco Franco zusammengehalten wurden. Monarchisten (alfonistas und carlistas), Militärs, die faschistische Falange und reaktionäre Katholiken - sie alle waren Teil des Regimes und kämpften untereinander um die Gunst des Diktators. Geeint waren sie nur in der Bekämpfung des «Anti-Spanien», also jenes liberalen, föderalen und kommunistischen Spanien, das man im Bürgerkrieg besiegt hatte. Die Folge war eine massive Repression der «Anti-Spanier», die eingesperrt, gefoltert und getötet wurden.
Die anfängliche internationale Isolation des Regimes konnte Franco schnell überwinden und so kam es nach einem Kurswechsel Ende der 50er Jahre zu einem wirtschaftlichen Aufschwung in den 60er Jahren. Trotz eines liberaleren Pressegesetzes im Jahr 1966, blieb das Franco-Regime bis zum Tod Francos eine repressive Diktatur, die Demonstrationen brutal niederprügelte und auch nicht davor zurückschreckte, Todesurteile trotz internationaler Proteste zu vollstrecken. Dennoch war Franco ein populärer Diktator. Zu sehr fürchtete man sich vor einer möglichen Alternative. Nicht umsonst kultivierte Franco das Bild eines Führers, der Recht, Ordnung und Frieden herstellte.
Hohe Qualität trotz Fehler
Auf die Fragen der vermeintlichen Modernisierung Spaniens und Popularität Francos geht Kössler näher im sehr gelungenen Epilog ein. Umso ärgerlicher ist es jedoch, dass dem Autor einige kleinere Fehler unterlaufen sind. So spricht er beim Stabilisierungsplan (1959) von Pesos, wenn die spanische Währung natürlich Pesetas waren. Die Aufbahrung des Leichnam Francos fand logischerweise vor seiner Beerdigung am 23. November 1975 statt und kann somit nicht, wie der Autor behauptet, im Dezember 1975 gewesen sein.
Die Aussage, dass es einen Bürgerkrieg zwischen Konservativen und Liberalen im 19. Jahrhundert gab, ist nicht richtig. Vielmehr gehörten sowohl Konservative (moderados) und Liberale (progresistas) zum isabelinischen Lager, die nach dem Tod Fernandos VII. (1833) in mehreren Bürgerkriegen gegen die Karlisten kämpften.
Dass den progresistas die Regierungsbeteiligung von Isabel II. verweigert wurde, führte zu verschiedenen pronunciamientos (vor allem 1854 und 1868), die jedoch keinen Bürgerkrieg konstituierten. Richtig ist hingegen, dass nach dem Scheitern der Ersten Republik (1873/74) die Verfassung von 1876 beide Gruppen in der restaurierten Monarchie fest integrierte.
Nichtsdestotrotz tun die unterlaufenen Fehler dem Lesegenuss und dem Erkenntnisgewinn keinen Abbruch. Kössler liefert eine gut geschriebene und recherchierte Biographie der wohl prägendsten Persönlichkeit der jüngeren spanischen Geschichte. Es wäre wünschenswert, wenn zukünftig weitere deutsche Publikationen zur spanischen Geschichte in dieser Qualität erscheinen würden.
Franco: Der ewige Faschist
Till Kössler
C.H. Beck, 367 Seiten
28 Euro




